Das „Rote Läppchen“

Ein verwunschener Ort mit bewegter Geschichte

Fast zugewachsen, mit eingeschlagenen Fenstern und von Unkraut überwuchert: So präsentiert sich das „Rote Läppchen“ heute dem zufälligen Besucher. Kaum zu glauben, dass hier, hinter den alten Bäumen, die St. Annenkapelle und ein denkmalgeschütztes Gebäude liegen. Bald soll hier ein modernes Hospiz entstehen – ein Ort des würdevollen Abschieds. Damit knüpft man an die lange Tradition dieses Ortes an: Schon früher war er ein Platz der Fürsorge – wenn auch unter ganz anderen Umständen.

Vom Leprosenhaus zum Gasthaus

Bevor das „Rote Läppchen“ über 200 Jahre lang als Gasthaus diente, war es Armenhaus, Kinderhaus und Leprosenstation – ein sogenanntes Siechenhaus. Die an Lepra Erkrankten lebten hier in klosterähnlicher Gemeinschaft, streng abgeschirmt von der übrigen Bevölkerung. Körperkontakt zu Gesunden war verboten, ebenso wie jegliche Nähe. Wer gegen die Regeln verstieß, wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen – ein Leben in Elend und Isolation war die Folge. Diese strikte Trennung war wohl mitverantwortlich für das allmähliche Verschwinden der Krankheit aus Europa.

Lepra, eine bakterielle Krankheit, die Nerven und Gliedmaßen befällt, war im Mittelalter zwar nicht hoch ansteckend, aber extrem gefürchtet. Erkrankte galten als „ausgestoßen“, oft wurde sogar eine Totenmesse über sie gelesen, bevor man sie ins Siechenhaus brachte. Der Ort lag – wie damals üblich – außerhalb des Dorfes, an einer viel befahrenen Straße, damit Reisende Almosen spenden konnten. Ein Wasserlauf, inzwischen zugeschüttet, sorgte für Hygiene.

Ein Ort mit vielen Gesichtern

Mit der Zeit wandelte sich das Siechenhaus in eine Schmiede für Fuhrleute. Während die Pferde beschlagen wurden, tranken die Männer ihr Bier – der Anfang des späteren Gasthauses. Über Generationen wurde im „Roten Läppchen“ gegessen, getrunken und erzählt – besonders beliebt waren die Schinkenschnittchen und der Heringsstipp, garniert mit den Geschichten des Wirts.

Die Annenkapelle – geistlicher Mittelpunkt

Die St. Annen- oder Melatenkapelle gehörte von Anfang an zum Siechenhaus. Bereits 1514 stiftete Dietrich von der Recke regelmäßige Messen für die Kranken. Nach Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kapelle 1728 im Stil der Renaissance neu errichtet – auf einem mittelalterlichen Sockel. Ihre Glocke stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist eine der ältesten im Hammer Stadtgebiet.

Rückkehr zur Ursprungsfunktion

Mit dem zukünftigen Hospiz kehrt das „Rote Läppchen“ zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurück: Ein Ort für kranke und sterbende Menschen, die Zuwendung, Ruhe und Würde brauchen. Die Geschichten und Erinnerungen rund um das Gasthaus und seine bewegte Vergangenheit bleiben – tief verwurzelt im Gedächtnis der Heessener und Hammer Bürger.