Schloss Heessen – Baugeschichte

975Erste Erwähnung und Ursprung

Erste urkundliche Erwähnung des Hauses Heessen als fränkischer Oberhof an der strategischen Straße von Soest nach Werl. Es lag nahe der Burg Mark an einem Lippeübergang – auf der heutigen Kreuzung von Fährstraße und Dolberger Straße. Das ursprüngliche Gebäude bestand aus einem strohgedeckten Bauernhaus mit zwei Wachtürmen und einem steinernen Speicher.

1360Bau der ersten Wasserburg

Errichtung der ersten Burganlage am heutigen Standort. Ein kleiner Wasserlauf wurde durch Gräben verbunden – die Wasserburg entstand.
(Erbauer: Dietrich von Volmarstein)

1440Gotischer Neubau des Herrenhauses

Gotischer Neubau des Herrenhauses mit zweistöckigem Mittelbau, Flügeln, Türmen und Erkern.
(Erbauer: Dietrich von der Reck)

1590Renaissance-Umbauten

Neubauten im Renaissancestil: Außentor, Torhaus mit Eckturm, Renteigebäude. Typisch münsterländische Giebel.
(Erbauer: Jobst von der Recke)

1782Klassizistischer Umbau mit Barockgarten

(Bauherr: Fritz von Boeselager)

1802-1847Modernisierungen im 19. Jahrhundert

1802: Rosengarten mit Mauer und Statuen aus dem Barockgarten.
1813: Anschluss an die Wasserleitung durch Röhrenkanal.
1826: Umbau – offene Kamine weichen Eisenöfen, das Haus wird weiß gekälkt.
1837: Bau der Ställe und eines Brauhauses.
1847: Einsturzgefahr – Sanierung des Kellers nach Setzungen der Eichenbalken.

1828Gestaltung der Schlossinsel

Anlage der Schlossinsel im englischen Gartenstil.

1905-1908Neogotik & Neorenaissance

Neugotischer und Neorenaissance-Umbau nach historischen Zeichnungen. Angelehnt an den Drostenhof in Wolbeck.
(Architekt: Alfred Hensen, Bauherr: Dietrich von Boeselager)
Zitat Freiherr von Kerckering zur Borg:
„In Heessen ist das malerische Bild vollkommen … Farbig malerisch, zeichnerisch phantastisch …“

1925-1960Nutzung im 20. Jahrhundert

1925: Aufgabe als Familiensitz der Boeselagers, Verkauf des Heessener Waldes.
1935: Vermietung an den NS-Studentenbund als Schulungslager.
1949: Nutzung als Altersheim der Stadt Münster.
1956: Einrichtung eines Landschulheims.
1960: Neubau des Schulhauses – behutsame Eingliederung ins Schlossensemble.

Politische Dimension: Die Auswanderung des Max von Boeselager (1881)

Max von Boeselager, ehem. Ehrenamtmann von Heessen (1857–1863), wanderte 1881 nach England aus – aus Protest gegen Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche. Seine Auswanderung war ein Affront gegen das Kaiserreich.

Sein Sohn Dietrich von Boeselager trat 1899 das Erbe an und leitete ab 1905 den Schlossumbau gemeinsam mit Alexandra von Vittinghoff-Schell. Mit Architekt Alfred Hensen und dem Freund des Hauses Freiherr von Kerckering zu Borg entstand das heutige Schloss in neugotischer und Neorenaissance-Gestaltung.

Schloss Heessen im Schnee

Historistische Bauweise und Ausstattung (ab 1905)

Umgestaltung mit typischen westfälischen Treppengiebeln, Maßwerk, Fialen und Renaissance-Elementen.

Caelum non animum mutant, qui trans mare currunt.

Den Himmel, nicht den Geist, verändern die, die über das Meer reisen.

Zitat von Horaz

Eine feine Kritik an Max von Boeselager?

Wassermühle Heessen

Technik und Wirtschaft: Die Wassermühle in Heessen

Frühe Hinweise auf Mühlenbetrieb
Die Nutzung der Wasserkraft hat in Heessen eine lange Tradition. Bereits 975 erwähnt eine Kaiserurkunde Mühlen im Zusammenhang mit dem Haus Heessen – eine frühe Wassermühle ist daher sehr wahrscheinlich. Um 1300 wird erstmals konkret eine „mola“ (lateinisch für Wassermühle) an der Lippe erwähnt, was die Bedeutung solcher Anlagen für die lokale Versorgung unterstreicht.

Erste belegte Mühle an der Lippe
1382 ist dann auch eine Ölmühle nachweisbar, zu der eigens eine Schleuse errichtet wurde. In einer Quelle heißt es: „… zum Lohne für die Holzschneider und die Zimmerleute, die die Schleuse bei der Ölmühle gemacht haben.“ Die Mühlenrechte lagen beim Haus Heessen, was bedeutete, dass alle Bauern aus der Umgebung dort ihr Korn mahlen lassen mussten.

Mühlenrecht und Rolle der Müller
Müller nahmen in der damaligen Gesellschaft eine besondere Rolle ein: Sie lebten oft etwas abseits, galten als wetterkundig und unabhängig – und wurden deshalb auch mit einer gewissen Skepsis oder sogar Misstrauen betrachtet. Ihre Arbeit war jedoch essenziell für die lokale Wirtschaft und Ernährung.

Die Schlosskapelle – gotisches Meisterwerk des Historismus

Kapelle (erbaut 1909–1910)
Gestaltet im englischen „decorated style“ des 14. Jh., mit Fächergewölbe wie in Gloucester und Chorschranke nach dem Vorbild von Southwell. Die Empore zeigt die Wappen der Familien Boeselager (Schaufeln) und Vittinghoff-Schell (Münzen). Figuren, etwa Hl. Ida oder Klara, stammen wohl aus der Zeit als Altersheim. Stuckdecken möglicherweise aus dem 18. Jh., im Stil des Pictorius. Der Innenausbau erfolgte im edwardianischen Stil (Architekt: Sidney Tugwell, Bournemouth). Die Kapelle war stets in Gebrauch, z. B. im Krieg als Gotteshaus für die zerstörte Stephanuskirche.

Heutige Nutzung von Schloss Heessen

Schloss Heessen ist heute ein privates Gymnasium mit Internat, das seit 1957 besteht. Etwa ein Drittel der Schüler wohnt direkt auf dem Schlossgelände, das aus historischen Gebäuden und einem großen Park besteht. Die Schule bietet neben dem deutschen Abitur auch internationale Abschlüsse und legt Wert auf individuelle Förderung. Außerdem wird das Schloss für kulturelle Veranstaltungen genutzt und ist ein lebendiger Teil der Heessener Gemeinschaft.